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Mischket Liebermann

DIE ENTSCHEIDUNG MEINES LEBENS

1925

 

Einführung zum Text: In ihrer Autobiographie "Aus dem Ghetto in die Welt" beschreibt die ostjüdische Rabbinertochter Mischket Liebermann den Prozeß der Abkehr vom orthodoxen Judentum. Mischkets Ausbruch begann in der Berliner Grenadierstraße im Haus ihres Vaters, des Rabbi Pinchus-Elieeser, der mit seiner zehnköpfigen Familie 1914 vor den Kriegswirren aus Galizien geflüchtet war. Unter dem Einfluß der kommunistischen Bewegung und ihres revolutionären Gedankenguts verließ Mischket 1921 das Elternhaus im "Scheunenviertel" und versuchte ihre ersten selbständigen Schritte als Schauspielerin an verschiedenen Berliner Bühnen. Der Wendepunkt ihres Leben kam 1925 mit Mischkets Eintritt in die Kommunistische Partei Deutschlands, der sie zeitlebens die Treue hielt. Der folgende Auszug beleuchtet die Motive ihrer politischen Einkehr und beschreibt einige wichtige Stationen auf ihrem Weg zu einem neuen Bewußtsein. Mit Hilfe der KPD und deren Auslandskontakten führte Mischkets Karriere über einige Umwege in die Sowjetunion, wo sie es als Schauspielerin am Jüdischen Theater in Minsk zu Ansehen und Erfolg brachte. Nach dem Zweiten Weltkriegs und ihrer Arbeit als Betreuerin deutscher Kriegsgefangener kehrte Mischket nach Berlin zurück und beteiligte sich aktiv am Aufbau der DDR. Die Beweggründe für das Schreiben ihrer Autobiographie erklärte die Verfasserin 1977 wie folgt:

"Aber ich möchte um Himmels willen keine Memoiren schreiben. Nur einige Geschichten, die ich erlebt habe. Heitere, ernste, tragische, komische und tragikomische, von einfachen Menschen, die liebenswert waren. Und auch von solchen, die es nicht waren. Vor allem aber von guten Menschen. Mein Lebtag hatte ich eine Schwäche für sie. Ich bemühte mich, ihnen nah zu sein. Von anderen habe ich mich getrennt. Manchmal zu spät. Menschliche Enttäuschungen konnte ich schwer überwinden. Eigentlich nie. Zum Glück gab es ihrer wenige.

Zur Arbeiterbewegung kam ich rein gefühlsmäßig. Was mich anzog, war die leidenschaftliche Hingabe der Kommunisten für die Interessen der einfachen Menschen. Doch bald begriff ich, daß hier mit Gefühlen allein nichts getan war. Ich mußte denken lernen und umdenken. Und ich mußte kämpfen lernen.

Ich kam aus einem fanatisch religiösen Elternhaus. Kein Wunder, daß ich diese irrsinnige Welt verließ. Der Bruch fiel mir nicht schwer. Er vollzog sich, als ich sechzehn Jahre alt war, radikal, schmerzlos. Dazu verhalfen mir Genossen, Freunde und meine Liebe zum Theater. Es war ein weiter Weg, den ich zurückzulegen hatte, bis ich Kommunistin wurde. Mit zwanzig trat ich ihn an. Das war mein Glück. Sonst wäre mein Leben kein Leben.

Wenn ich meine Erlebnisse nun doch aufgeschrieben habe, so sind meine Freunde daran schuld. Sie geben keine Ruhe. Was tut man nicht alles für seine Freunde. Ich mußte schreiben. Na denn! "Eine glückliche Stunde soll es sein!" würde mein Vater gesagt haben. Mein guter Vater, dem ich soviel Kummer bereitet habe."


Text: DIE ENTSCHEIDUNG MEINES LEBENS

Zwei Erlebnisse aus jenen Jahren haben sich mir unauslöschlich eingeprägt. Das erste war die Nachricht von Lenins1 Tod. Sie schien unfaßbar! Ich besitze noch ein Foto von Lenin, das ich auf der Gedächtnisfeier erwarb, die am 24. Januar 1924 im Großen Schauspielhaus stattfand. Auf die Rückseite schrieb ich damals: "Selten war ich so ergriffen. Ich hatte ein wehes und wundes Gefühl."

Das andere große Erlebnis war eine Veranstaltung anläßlich des X. Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands in demselben Hause ein Jahr später, am 12. Juni 1925. Erwin Piscator2 hatte eine großartige Agitproprevue3 inszeniert und auch die Filmmontage einbezogen, wodurch ein sehr lebendiges Bild vom Kampf der Arbeiterklasse, von der Beisetzung Karls und Rosas4 entstand.

Bald danach kam der Tag für mich, den ich - solange ich lebe - nicht vergessen werde: Der 1. August 1925. Antikriegsdemonstration. Kundgebung im Lustgarten. Ich marschierte neben Artur Krymalowski, dem Politleiter des Bezirks Mitte der Kommunistischen Partei Deutschlands. Wir kannten uns gut von den Abenden bei meiner Freundin Rose. Artur war ein klassenbewußter, kämpferischer, sympathischer Genosse. Ein Kind armer Leute, das sich im Selbststudium beachtliche Kenntnisse des Marxismus erarbeitet hatte. Er gefiel mir sehr. Im stillen hoffte ich sogar, er würde von allen Mädchen aus diesem Kreis mich "auserwählen". Aber er hatte bereits gewählt. Nur wußte ich das nicht. Er führte seine Toni erst später bei uns ein. Immerhin freuten wir beide uns stets, wenn wir uns trafen. Erst recht freute sich Artur, als er mich bei der Demonstration plötzlich neben sich sah.

Mir fiel auf, daß eine Menge Frauen mitmarschierten. Kein Wunder. Wie viele Männer, Väter und Söhne waren aus dem Krieg nicht heimgekehrt oder mußten als Krüppel ihr Leben fristen! Und schon rüstete die Weimarer Republik wieder auf. Für die Linderung der sozialen Not aber war kein Geld da. Es herrschte Kampfstimmung auf dieser Antikriegskundgebung. Ich sagte zu Artur: "Hier ist mein Antrag, Artur. Ich wollte seit langem in die Partei eintreten." Er strahlte: "Gib her, Mädel, ich hab' schon darauf gewartet." Er umarmte mich. "Nächste Woche unterhalten wir uns darüber. Abgemacht?" Obwohl ich seit Jahren innerlich mit der Partei verbunden war: Von nun an war ich Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands. Ich liebe keine großen Worte. Doch hier ... Es war für mich ein völlig neues, ein herrliches Lebensgefühl, so ganz dazuzugehören. Mit allen Konsequenzen. Und noch eines empfand ich: Wie schön es ist, zu geben, sich einer Sache restlos hinzugeben, die so gerecht, so menschlich ist. Auch wenn man nur ein Schräubchen im Getriebe ist.

Wie Tausende und aber Tausende Kommunisten verrichtete ich täglich Kleinarbeit. Glücklich fühlte ich mich, wenn meine Parteiarbeit mit der künstlerischen zusammenfiel. In großen Veranstaltungen trat ich selten auf. Ich war noch eine blutige Anfängerin. Es stellten sich gern bekannte Künstler der KPD zur Verfügung. Einmal rezitierte ich zu einer Maifeier vor einer Gruppe des "Roten Frauen und Mädchen Bundes". Ich spürte, daß es den Frauen Freude bereitete, und machte daraus einen ständigen Zirkel. Monatlich einmal. Es kamen etwa zwanzig Frauen, Arbeiterinnen, Hausfrauen, ältere, jüngere. Immer dieselben. Sie lasen gern, wie sie mir sagten. Nun hatten sie Spaß daran, mir zuzuhören. Das Interesse war gleich groß, ob ich aus Werken der Klassiker vorlas oder revolutionäre Dichtungen. Manche dieser Frauen wirkten in Arbeiterchören mit. Oft wollten sie Näheres über den einen oder anderen Dichter wissen. Doch keine traute sich, selber einmal vorzulesen.

Gar zu gern machte ich Agitationseinsätze auf dem Lande mit. An Sonntagen fanden sie statt. Meistens in einem Dorfkrug. Im Sommer auch davor. Der Zuhörerkreis war in der Regel nicht sehr groß, so daß wir unmittelbaren Kontakt mit den Menschen hatten. Es gab Fragen und Zurufe, auf die man spontan und überzeugend reagieren mußte. Es fehlte auch nicht an Auseinandersetzungen mit feindlichen Elementen, die eigens gekommen waren, um zu stören. Ich gewann den Eindruck, nicht wenige Bauern folgten schon damals der nazistischen Demagogie. Wir hatten so manche hitzige Debatte auszufechten. Wenn es nicht zu Tätlichkeiten kam, verdankten wir das der Besonnenheit unserer Genossen. Einige von uns zeigten sich gerade bei diesen Einsätzen als sattelfeste, scharfe Polemiker. Sie entlarvten die Störenfriede und gaben sie der Lächerlichkeit preis. Dennoch gerieten wir häufig in brenzlige Situationen.

 

"Mein schönes Fräulein ..."

Meine berufliche Ausbildung machte mir Sorgen. Ich kam nicht vorwärts. Alexander Granach5 wieder mit meinen Problemen zu behelligen, war mir peinlich, obwohl ich ihn gerade um diese Zeit des öfteren sah. Er spielte an der Volksbühne, und ich konnte da ein und aus gehen. War er auf der Bühne, unterhielt ich mich mit anderen Schauspielern, in der Kantine, auf dem Flur. Ich suchte immer nach jemandem, den ich agitieren konnte.

Einmal kam ich mit einer etwas älteren Schauspielerin ins Gespräch, die mir sehr fortschrittlich erschien. Ich weiß nicht, wie das geschah, ich hatte sofort Vertrauen und erzählte ihr von meinen beruflichen Kümmernissen. Sie hörte sich meine Geschichte sehr aufmerksam an und sagte völlig unerwartet: "Ich spreche mal mit meinem Mann. Er ist ein guter Schauspiel-Lehrer. Das soll keine Reklame sein. Im Gegenteil, er unterrichtet nicht jeden. Bei ihm spielen die menschlichen Qualitäten des Schülers eine fast ebensogroße Rolle wie das Talent."

"Ja, aber..." Sie unterbrach mich: "Sie haben kein Geld. Nicht wichtig."

Und so kam ich zu Herbert Kuchenbuch. Er war der Lehrer für mich. Tatsächlich, mit den schauspielerischen Fähigkeiten entwickelte er auch die menschlich guten Anlagen. Er machte sie einem bewußt, baute Hemmungen und Verklemmungen ab. Eigenartig, dabei sah dieser Mann wie ein Mönch aus. Weltanschaulich gingen unsere Meinungen oft auseinander. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung fand er unmoralisch. Am Kommunismus gefiel ihm vieles, aber nur soweit, wie er es mit seinen religiösen Anschauungen in Einklang bringen konnte. Er war Katholik. Wir stritten oft, aber sehr kameradschaftlich. Manchmal begleitete er mich auf Veranstaltungen, um Arbeiter zu erleben und um zu hören, wie ich beim Rezitieren ankam. Nie hat er auch nur einen Heller von mir genommen. Ich denke mit Dankbarkeit an ihn.

In seinen Unterrichtsstunden lernte ich die begabte Sibylle Schmitz kennen. Zuweilen hatte ich mit ihr gemeinsam Rollenstudium. Sie wurde später eine berühmte Schauspielerin. Zuletzt lebte sie in der Bundesrepublik Deutschland, wo sie Anfang der sechziger Jahre Selbstmord beging. Sie war arbeitslos und einsam geworden.

Eines Tages sagte mein Lehrer scherzend zu mir: "Mein schönes Fräulein, Sie müssen jetzt ans Theater! Sie müssen spielen! Ich kann Ihnen nichts mehr geben." Goldrichtig. Aber wie, wo? In Berlin anzukommen war für eine Anfängerin ohne Beziehungen fast unmöglich. Also hieß es, in den sauren Apfel beißen und in irgendeinem Provinztheater ein Engagement suchen. Was auch nicht leicht war.

Zu der Zeit arbeitete ich als Stenotypistin bei einer holländischen Firma. Ranja AG. hieß sie und handelte mit Orangensaft. En gros. Das Kontor stand voller Probierflaschen. Wir fanden den Saft ausgezeichnet. Kann ja auch mal eine Flasche kaputtgehen, nicht?

Meine Arbeitsstelle war in der Nähe des Romanischen Cafés, in dem meistens Künstler verkehrten. Oder Leute, die Künstler verehrten. Wie mein jüngerer Chef zum Beispiel. Er legte großen Wert darauf, daß ich ihn bemerkte, wenn er dort seinen Kaffee trank. Es schmeichelte ihm, eine angehende Schauspielerin als Schreibkraft zu haben. Unser Kontor lag in der sechsten Etage. Mir als einziger der Angestellten bot er einen Fahrstuhlschlüssel an. Die anderen sollten ruhig die sechs Treppen laufen. Ich machte keinen Gebrauch von diesem "liebenswürdigen" Angebot. Er war sehr enttäuscht, der Arme.

Ich hielt es nicht lange aus bei dieser "noblen" Firma. Am Vortrag des 1. Mai 1926 erklärte ich dem älteren der beiden Chefs, einem Holländer, der sich brüstete, Sozialdemokrat zu sein: "Morgen komme ich nicht zur Arbeit."

"Wieso?"

"Morgen ist der Erste Mai. Das wissen Sie nicht? Was Sie als Sozialdemokrat machen, ist Ihre Sache. Ich demonstriere."

"Sie, Sie, Sie sind eine Kommunistin!" schrie er, als sei es ein Verbrechen.

"Sie haben es erraten," sagte ich seelenruhig.

"Werden Sie hier nicht frech! Sie sind entlassen!"

"Bitte sehr. Wann kann ich meine Abrechnung haben?"

"Wann Sie wollen. Machen Sie bloß, daß Sie rauskommen!"

Es schien, der Alte platzte vor Wut. Die Angestellten im Nebenzimmer feixten. Ich ging zum Schreibtisch, nahm meinen Lippenstift und meinen Spiegel heraus, wünschte meinen Kollegen alles Gute und verschwand. Schon einmal hatte ich dem Alten eins ausgewischt. Vor Weihnachten war das. Ohne anzuklopfen, betrat ich sein Zimmer - wahrscheinlich, um mir Mut zu machen - und verlangte für alle acht Beschäftigten eine Weihnachtszulage und vorzeitige Gehaltsauszahlung. Er sei ja schließlich Sozialdemokrat. Meine Ironie war nicht zu überhören. Eine Zulage hatte er strikt abgelehnt. Seine Firma sei klein und arm. Nebbich. Aber er kam nicht umhin, das Gehalt früher als sonst auszuzahlen. Jetzt war er sichtlich froh, mich losgeworden zu sein.

Ich bekam nun Arbeitslosenunterstützung. Ganze sieben Mark die Woche. Für Kaffee im Romanischen Café reichten sie. Dort pflegte ich des öfteren meinen Katzenjammer zu begießen, mit Kaffee. An einem Nachmittag setzte sich eine junge, attraktive Frau an meinen Tisch. Sie bestellte eine Bockwurst und Kaffee, rauchte eine Zigarette nach der anderen und starrte vor sich hin. Offenkundig hatte sie irgendwelchen Kummer. In diesem Café kam man schnell ins Gespräch. Ich fragte sie ganz unvermittelt: "Was haben Sie?"

"Danke. Gut, daß Sie fragen. Ich bin hier fremd. Komme aus Magdeburg. Spiele schon zehn Jahre am dortigen Theater. Ich möchte endlich nach Berlin. Morgen soll ich im Deutschen Theater vorsprechen. Heinz Hilpert inszeniert im Kleinen Haus 'Bronx-Expreß' von Schalom Asch. Er sucht einen bestimmten Typ für eine Charakterrolle. Eine Episodenrolle, aber immerhin. Erst mal reinrutschen. Mein Gott, hab' ich Lampenfieber! Ich werd' noch verrückt, bis es soweit ist!"

"Soll ich Sie begleiten? Zeit hab' ich. Ich würde mir das ganz gern mal ansehen. Bin auch auf der Suche nach einem Engagement."

"Na, dann kommen Sie doch mit. Bestimmt werden viele vorsprechen. Auf eine mehr oder weniger kommt es auch nicht an. Ich glaube an meinen Glücksstern! Toi! Toi! Toi!" Sie klopfte mit dem Mittelfinger auf den Tisch. In mir, die ich noch nie auf einer Berufsbühne gestanden hatte, sah sie keine Rivalin. Ich war ganz ihrer Meinung.

Am nächsten Morgen fanden wir uns in den Kammerspielen ein. Außer uns erschienen noch zwei Schauspielerinnen. Heinz Hilpert drückte jedem den Text der Rolle in die Hand. Viel war es nicht. Es handelte sich um eine jüdische Frau mittleren Alters, die mit ihrem Säugling im Arm vor Pogromen aus Rumänien nach Amerika geflüchtet war. Nun sah sie in jedem Menschen, dem sie begegnete, einen Antisemiten. Sogar in ihren eigenen Glaubensgenossen. Eine tragikomische Figur.

Hilpert verlangte, wir sollten uns im Kostümfundus der Gestalt entsprechend selbst einkleiden, schminken und vor ihn treten. Als rumänisch-jüdische Flüchtlingsfrau ging ich nun über die Bühne in den Zuschauerraum, um mich Hilpert vorzustellen. Er rief mir von weitem zu: "Bleiben Sie stehen! Mein Gott, wer ist denn das? Sieht ja aus, als sei sie eben aus Rumänien geflohen." Alle vier machten wir die Proben mit. Sie waren im Endstadium. Der Regisseur wollte sichergehen. Die Wahl fiel auf mich. Hatte ich doch solche Gestalten zur Genüge gesehen, erlebt. Ich bekam einen Vertrag für ein Jahr. Und o Wunder - auch lobende Worte in der Presse, wurde neben den Prominenten Albert Steinrück, Ilka Grüning, Curt Bois erwähnt. Ich konnte es selber noch nicht fassen: Ich war Schauspielerin der Reinhardt-Bühnen.

Offen gestanden, am besten spielte ich den Säugling. War ja schließlich auch ein Mensch. Und was für einer. Kaum hatte ich, seine Mutter, ein paar Worte gesprochen, unterbrach er mich und machte ein Heidenspektakel. Das heißt - ich schrie für ihn, mit dem Rücken zum Publikum, dann beruhigte ich ihn, lullte ihn ein. Kurzum, ich hatte viel zu tun mit dem Kleinen.

Nach der Premiere fragte mich mein Partner, ein bekannter Schauspieler: "Sagen Sie, Kindchen, wie machen Sie das?"

"Ganz einfach. Drücken Sie mal der Puppe auf den Bauch."

Er drückte, aber es kam nichts heraus. "Wissen Sie was, Kindchen, lieber drücke ich Ihnen auf den Bauch. Nachher, ja? Das kann ich besser."

Nachher fand nicht statt, ich rückte vor ihm aus. Zum Glück teilte ich die Garderobe mit zwei Tänzerinnen, die in dem Stück beschäftigt waren. [É]

 

Kinder des Ghettos brechen aus

Im September wurde die Theatersaison wieder eröffnet. Der "Bronx-Expreß" rollte weiter. Also keine Proben und viel Zeit. Die Arbeitslosigkeit griff immer weiter um sich. Unsere Partei startete wieder eine Flugblattaktion. Ich ließ mir einen Stoß der Blätter geben und verteilte sie vor den Warenhäusern Tietz am Alex und Wertheim in der Rosenthaler Straße. Beide lagen in der Nähe des Ghettos. Natürlich ging ich hin. Ich mußte sehen, was sich dort inzwischen zugetragen hatte.

Das Vaterhaus betrat ich nicht. Ich wollte keine Wunden aufreißen. Auseinandersetzungen waren zwecklos. Ich hielt aber ständig Kontakt zu meiner Schwester Sure. Sie hatte bereits begonnen, in meine Fußtapfen zu treten, war mit siebzehn Jahren Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes. Wir trafen uns bei mir oder in der Grenadierstraße, gingen auf und ab. Natürlich tat es meinem Vater weh, wenn er erfuhr, daß ich in der Straße war und um sein Haus einen Bogen machte. Aber ich konnte nicht anders.

Im Ghetto gab es schon viele Jugendliche, die heraus wollten, aber nicht wußten, wie und wohin. Ihnen mußte geholfen werden. Ich tat, was ich konnte. Mir war bekannt, daß die zwei blutjungen, intelligenten und hübschen Töchter meines früheren Friseurs danach lechzten, aus diesem Muff herauszukommen und einen Beruf zu erlernen. Der Vater hielt sie wie mit eiserner Zange zu Hause fest. Mir gegenüber hatte sich dieser Mann immer fortschrittlich und kommunistenfreundlich gezeigt. Beim Frisieren unterhielt er sich mit mir über Politik. Er nahm es mit den rituellen Gesetzen nicht mehr genau, auch nicht mit den Frauen. Er war Witwer. Doch sobald es um seine Töchter ging, zeigte er sein wahres Gesicht: rückständig und scheinheilig.

Ich freundete mich mit den beiden Mädels an. Der Vater verbot mir das Haus. Wir trafen uns bei mir oder in Parkanlagen. Ich stand ihnen bei, half ihnen, bis sie so weit waren, daß sie das Ghetto verlassen konnten. Kaum waren sie aus dem Elternhaus fort, erschien der Vater bei mir und drohte mit der Polizei, falls seine Töchter nicht binnen einer Woche wieder zu Hause sein würden. Sie kehrten nicht zurück. Er ging nicht zur Polizei.

Die ältere der beiden Mädels, Mali, war schauspielerisch eine ausgesprochene Begabung. Ich brachte sie zu meinem Lehrer Herbert Kuchenbuch. Nach einer kurzen Prüfung nahm er sie in seine Schauspielschule auf. Er fragte nicht nach Honorar, bekam auch keins. Mali emigrierte 1933 in die Sowjetunion, spielte in Moskau in dem weltberühmten Jüdischen Theater, heiratete einen Regisseur, zog mit ihm in den Fernen Osten, als er dort ein Theater übernahm.

Die zweite, Fanny, ging in der politischen Arbeit völlig auf. Sie wurde Funktionär des Kommunistischen Jugendverbandes. Während Mali bei mir in Moskau oft zu Gast war, sah ich Fanny im Herbst 1932 in Berlin wieder. Wir saßen in ihrem Arbeitszimmer im Karl-Liebknecht-Haus, sie auf einer Schreibtischecke, ich in einem Sessel. Und sie erzählte von ihrem Leben, das Kampf war. Ihre grünen Augen leuchteten dabei. Sie war glücklich.

Ein anderes Ghettokind lief mir über den Weg, von dessen Existenz ich vordem nichts gewußt hatte. Die sechzehnjährige Elly Schließer lernte ich erst kennen, als sie mich aufsuchte. Sie wohnte etwas abseits vom Ghetto. Ihre Eltern waren nicht gar so fanatisch. Sie ließen Elly sogar die Realschule absolvieren, allerdings die jüdische, wo eine nationalistische Atmosphäre herrschte. Die Tochter einen Beruf ergreifen zu lassen, war schon zuviel verlangt. Elly sollte früh heiraten, damit sie nicht auf schlechte Gedanken komme. Die Eltern hielten schon Ausschau nach einem Bräutigam. Natürlich mit Hilfe eines Schadchens.6 In ihrer Bedrängnis kam Elly eines Tages zu mir.

O ja, ich war "berühmt" im Ghetto: Kommunistin. Schauspielerin. Kindesverführerin. Fehlte nur noch, daß sie mich als "Kindesmörderin" bezeichneten. Mein Name wurde zum Schimpfwort. "Da hast du die zweite Mischket" hieß es, wenn die Töchter versuchten, sich gegen den orthodoxen Starrsinn aufzulehnen. Elly wollte so schnell wie möglich von zu Hause fort. Und - sie wollte Schauspielerin werden! Sie war geradezu besessen davon. Ob sie begabt sei oder nicht, wollte ich nicht allein beurteilen, da ich Zweifel hatte. Ich stellte sie Alexander Granach vor. Er ließ sie vorsprechen und fand, sie sei nicht für die Bühne geschaffen. Ihr fehlte die Verwandlungsfähigkeit, die Zündschnur, die über die Rampe geht. Zudem war sie unförmig gebaut, klein, rundlich, mit einer sehr starken Brust. Elly hat vielen Künstlern vorgesprochen, alle waren derselben Meinung. Aber eins erkannten alle: Dieses Mädel hat überdurchschnittliche geistige Gaben, hat das Zeug zu einer Persönlichkeit.

Kein Zweifel, Elly hätte sich eines Tages auch aus eigenen Kräften von diesem sinnlosen Leben befreit. Nur hätte es sie sehr viel Zeit und Nerven gekostet. So aber kam sie zu mir, die ich doch schon einige Erfahrungen hatte. In Berlin wollte sie nicht bleiben. Sie fürchtete - und dies zu Recht -, die Eltern würden sie mit Gewalt zurückholen. Ich half ihr, nach Hamburg zu entkommen. Genossen nahmen sie auf. Sie verrichtete Gelegenheitsarbeit, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. In der Freizeit beschäftigte sie sich mit dem Studium marxistischer Literatur. Sie verschlang diese Bücher geradezu, hatte ein phänomenales Gedächtnis. Und entwickelte sich mit Riesenschritten.

Alles wäre gut gelaufen, wenn Elly nicht ihr Tagebuch zu Hause liegengelassen hätte. Sie hatte alles fein säuberlich eingetragen: die Fluchtgedanken, die Begegnungen mit Alexander Granach, mit mir.

Ihre Eltern verschafften sich meine Adresse. Eines Tages standen sie vor meiner Tür. Ich ließ sie herein, war höflich, forderte sie auf, Platz zu nehmen. Sie lehnten es ab. Mit finsteren Mienen standen sie vor mir und wiederholten immer wieder dasselbe: "Wo ist unsere Tochter! Sagen Sie es, oder wir gehen zur Polizei!" Ich versuchte sie zu beruhigen, erzählte ihnen Märchen, um Zeit zu gewinnen und Elly verständigen zu können. Ihre geliebte Tochter sei auf dem Wege ins "gelobte" Land, bald würden sie Post von ihr erhalten.

Sie ließen sich keinen Bären aufbinden und gingen zur Polizei. Die fahndete nach Elly, fand sie und holte sie nach Berlin zurück. Im Polizeipräsidium befaßte sich eine Beamtin der Sittenpolizei mit ihr. Diese Dame sah, daß sie es mit einem unschuldigen Mädchen zu tun hatte. Soweit ging die Einsicht. Sie ging sogar noch weiter: Die Beamtin erkannte die hohe Intelligenz des Mädchens. Sie verschaffte ihr einen Studienplatz an der Uni und ein Stipendium. Und da Elly sich weigerte, ins Elternhaus zurückzukehren - auch freie Wohnung. Aber als diese Beamtin nach einigen Monaten - von Elly selbst übrigens - erfuhr, sie sei Kommunistin, hörte die Gemütlichkeit auf. Zugleich auch das Stipendium und die Wohnung. Die Dame war eine Sozialdemokratin.

Elly lebte fortan von Erwerbslosenunterstützung. Ihren Traum vom Schauspielerberuf hatte sie nicht aufgegeben. Jeden Abend stand sie vor den Fenstern der Kneipe, in der Maxim Vallentin mit seinem "Roten Sprachrohr" probte. Sie schaute mit flackernden Augen zu, bis er sie eines Abends einlud, hereinzukommen und mitzumachen. So kam Elly Schließer doch zum Theater. Sie wurde eines der rührigsten Mitglieder dieses Kollektivs, die rechte Hand des Leiters. Sie schrieb, sie sprach, sie sang, sie tanzte, sie organisierte, sie tat alles und stets dort, wo Not am Mann war. Das "Rote Sprachrohr" hielt sich noch Monate nach Hitlers Machtantritt, spielte bald da, bald dort. Dann mußten die meisten Mitglieder emigrieren.

Elly gelangte nach Frankreich. Sie schaltete sich sofort in die illegale Parteiarbeit ein. Kurz bevor die Nazis Frankreich besetzten, hatte sie die Möglichkeit, nach den USA auszuwandern. Visa und Schiffskarte waren bereits in ihren Händen. Sie blieb. Nur nicht feige sein. Lieber alles durchmachen, sagte sie sich immer wieder. Und zu ihren Genossen meinte sie mit bitterer Ironie: "Nächstes Mal sehen wir uns in Maidanek oder Auschwitz."

Sie geriet bald in die Hände der Gestapo und kam tatsächlich ins Konzentrationslager Auschwitz. Im Lager galt sie als Französin. Sie leistete dort eine hervorragende politische Arbeit, erzählten Leidensgenossen. Als die Rote Armee nahte und das "Tausendjährige Reich" seinem Ende zuging, trieben die faschistischen Mörder die ausgemergelten Häftlinge auf die Straße nach Dresden. Die nicht mehr laufen konnten, die zu Boden fielen, wurden niedergeschossen. Elly sprach den Todeskandidaten Mut zu, stützte sie, zog sie mit. Sie hat vielen geholfen, die von der Roten Armee befreite Stadt Dresden zu erreichen.

Gleich nach der Befreiung hat sie gemeinsam mit Hermann Matern das erste antifaschistische Meeting organisiert. Im Präsidium sitzend, vor Glück überschäumend, erlitt sie einen Schlaganfall. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht. Die Hölle von Auschwitz hatte sie überstanden. Jetzt, wo sie ein freier Mensch war, reichten ihre Kräfte nicht mehr. Verfolgungswahn überkam sie. Sie war nicht mehr lebensfähig und machte ihrem Leben ein Ende. Mit den Worten auf den Lippen: "Es ist vollbracht," starb Elly einen qualvollen Tod.

Die Geschichte unseres Widerstandskampfes gegen die faschistische Barbarei ist reich an Helden. Wahren Helden. Auch Ruben Rosenfeld, dieser stille, bescheidene Junge aus dem Berliner Ghetto, war einer von ihnen. Er lebte in ärmlichen Verhältnissen. Zerrissen und zerschlissen lief er umher, immer neugierig, immer wißbegierig. Schon als Vierzehnjähriger kam er atemlos heran, wenn er mich in einem Demonstrationszug entdeckte. Ich war immerhin schon siebzehn. Er marschierte neben mir in Reih und Glied, wollte nicht wie ein Kind nebenherlaufen, sondern dazu gehören. Schon damals. Selten vergaß er mich zu fragen, wo es eine Veranstaltung gäbe. Ich sagte es ihm. Ruben war zur Stelle. Und wenn es noch so weit entfernt vom Ghetto war. Er ging zu Fuß, Fahrgeld hatte er nicht.

Ein Halbwüchsiger noch, verließ Ruben das Elternhaus. Auch sein Vater war ein Fanatiker und wollte ihn zwingen, dasselbe Leben zu führen. Sein selbständiges Dasein begann Ruben mit fünfzehn Jahren als ungelernter Arbeiter in einer Blechfabrik. Dann versuchte er es in einem Baubetrieb. Überall wurde er rumgeschubst und ausgenutzt, bekam wenig Geld, und nichts wurde ihm beigebracht. Er aber wollte einen Beruf erlernen. Ihm bot sich eine Lehrstelle in einer jüdischen Schneiderlehrwerkstatt. Und so wurde er Schneider.

Es zog ihn unwiderstehlich zur Arbeiterbewegung. Mit siebzehn war er schon im Jugendverband und neunzehnjährig in der Kommunistischen Partei Deutschlands. Seine ganze Freizeit gehörte der Partei. Er war Zellenleiter und Betriebsinstrukteur. Freunde hatte er viele, aber keine Freundinnen. Mir schien, Ruben litt unter Minderwertigkeitskomplexen. Er war sehr zurückhaltend Mädchen gegenüber. Durch eine auffällige Augenkrankheit war sein Gesicht etwas verunstaltet. Aber Ruben war ein gescheiter, witziger, gutherziger Bursche.

1933 gehörte er zu den Illegalen, zu den Gehetzten, Gejagten, die mit doppelter Kraft für die Sache des Volkes arbeiteten. Doch schon im September dieses Jahres saß er im Gestapokeller und durchlebte die Hölle. Bei seiner Festnahme fand die SA einen Zettel im Hause, auf dem Zeit und Ort eines Treffs mit einem Genossen von der Bezirksleitung notiert waren. Die Nazis brachten ihn dorthin. Es war am Luther-Denkmal in der Kaiser-Wilhelm-Straße. Sie mußten die Fahrbahn überqueren. In dem Moment warf sich Ruben unter ein fahrendes Auto. Er wollte sein Leben hergeben, um das des Genossen zu retten. Das war Ruben Rosenfeld, ein einfacher Kommunist. Einer von Tausenden Helden. Der Klumpen Fleisch wurde ins Krankenhaus gebracht und zusammengeflickt. Doch die Gestapo konnte kein Wort aus ihm herauspressen. Da er polnischer Staatsangehöriger war, wurde er nach einem halben Jahr aus dem Krankenhaus entlassen.

Die Partei ermöglichte ihm, zu entkommen. Er wurde auf die Krim gebracht. Sowjetische Ärzte taten alles, ihm zu helfen. Die Wunden heilten, die Verkrüppelung blieb. Aber Ruben fand in Moskau sein Glück. Eine prachtvolle Frau wurde seine Lebensgefährtin und schenkte ihm einen Sohn. Was für ein glücklicher Vater das war, kann man sich vorstellen. Ende der fünfziger Jahre sah ich ihn in seiner Berliner Wohnung im Prenzlauer Berg wieder. Ich war zutiefst erschüttert. Vor mir stand ein Krüppel. Der Rücken war so gekrümmt, daß der Kopf fast den Boden erreichte. Aber voller Leben, voller Tatendrang wie eh und je. Es war ein Kommen und Gehen in seiner Wohnung, während ich da war. Wir wurden andauernd unterbrochen. Genossen der Wohngruppe, der Nationalen Front kamen, holten sich Rat. Währenddessen unterhielt ich mich mit seiner Frau. Sie ist in der Ukraine, in Schepetowka, geboren, intelligent und sieht gut aus. Von Beruf Kindergärtnerin, doch jetzt eine unentbehrliche Stütze ihres Mannes. Aufopfernd betreute sie die beiden Männer, den großen und den kleinen. Und ist voll mütterlicher Wärme zu jedem, der kommt. Ein gastfreundliches Haus nach russischer Art. Eine glückliche Familie, Ruben hatte ein ausgefülltes Leben. Doch sein kranker Körper hielt den großen Anforderungen, die er selber an sich stellte, nicht lange stand. Er starb in den sechziger Jahren.

 

Ein Dialog vor dem Theater

Der "Bronx-Express" in den Kammerspielen rollte immer noch. Ein Jahr schon. Wir probten bereits an einem neuen Stück. Ein Krimi. "Der Prozeß der Mary Dugan". Wieder unter der Regie von Heinz Hilpert. Diesmal im Berliner Theater am Halleschen Tor. Mein Vertrag wurde um ein Jahr verlängert.

Es hieß, Hilpert inszeniere das Stück nach der Stanislawski-Methode. Davon merkte ich kaum etwas. Verstand auch damals nicht viel davon. Neu war jedenfalls, daß es keinen Vorhang gab und daß auch in den Pausen weitergespielt wurde. Zwischenszenen. Handlungsort des Stücks: ein Gerichtssaal. In den Zwischenszenen putzten zwei Frauen den Staub weg, den der Prozeß aufgewirbelt hatte. Sie unterhielten sich und machten sich lustig über die komischen Figuren, die sie hier zu sehen bekamen. Ohne Worte. Pantomimenspiel. Eine der Putzfrauen war ich. Mein Name stand auf dem Theaterzettel, aber keiner meiner Freunde und Bekannten, die die Vorstellung besuchten, bekam mich zu sehen. Hinterher ein großes Staunen und Fragen: "Wo warst du denn? Wir haben dich ja gar nicht auf der Bühne gesehen?"

"Ich hab' nach der Stanislawski-Methode gespielt", lachte ich, "in den Pausen."

"Ach so! Ja, da waren wir woanders." Ihre Enttäuschung war groß. Meine war schlimmer. [É]

Einmal, nach der Vorstellung, sah ich zwei düstere Gestalten um den Bühneneingang herumschleichen. Ich ging über den Hof, wollte hinaus. Sie kamen auf mich zu. Als sie vor mir standen, erkannte ich: Es waren zwei meiner Vettern, von denen ich bestimmt zwei Dutzend hatte. Ich konnte mir das Lachen über ihren Aufputz nicht verkneifen. Komische Gestalten aus einem urkomischen Stück, so wirkten die beiden auf mich. Einer von ihnen war Trödler. Ganz sicher hatten sie sich eigens für diesen "Auftritt" kostümiert: Sie trugen viel zu große Cutaways, die Melonen-Hüte saßen ihnen im Nacken, die Krawatten hingen schief, fast an der Schulter. Beide hielten Stöcke in den Händen und schlugen damit ab und zu aufs Pflaster. Aus Verlegenheit? Oder um mir einen Schrecken einzujagen? Wahrscheinlich trifft beides zu.

Gleich redeten sie ziemlich aggressiv auf mich ein. Der ältere, Mitte Dreißig, mit einer Glatze - vom langen Talmudstudium im schlecht gelüfteten Raum -, war der Wortführer. Das Reden bereitete ihm offensichtlich Vergnügen. Oder war er vom Theatererlebnis so aufgekratzt? Das erstemal im Theater. Aber er durfte es nicht gestehen. Nicht einmal sich selbst. Denn auch das ist Sünde. Folgender Dialog entspannte sich zwischen meinem Cousin und mir:

"Wie ich gesehen habe, willst du deinen Vater unbedingt hargenen (umbringen), leben soll er bis 120 Jahre! Vielleicht erklärst du mir, warum du das tust?!"

"Nein, ich erkläre dir das nicht. Gar nichts erkläre ich dir! Und ich will meinen Vater nicht hargenen. Er soll leben und gesund sein bis 150. Aber vielleicht erklärst du mir, was ich getan habe?"

"Du hast noch die Chuzpe (Frechheit) zu fragen, was du getan hast! Die Plakate, die, wo dein Name drauf ist, mußt du die unbedingt in der Grendierstraße auf die Litfaßsäule kleben? Du meinst, die ganze Welt muß wissen, daß du, die Tochter des Rabbi Pinchus-Elieeser, Schauspielerin bist! Sehr wichtig! A Hitz in Parawos (eine Hitze in der Lokomotive)! Es tut sich was!"

"Ich klebe sie nicht. Ich habe darauf keinen Einfluß."

"Asoi! Du hast keinen Einfluß?! Und wer hat ihn, diesen Einfluß?"

"Ich weiß es nicht."

"Du weißt es nicht. Gut. Nu, und deinen Namen ändern kannst du auch nicht?"

"Kann ich, will aber nicht."

"Aha! Du willst nicht! Und warum nicht, wenn ich fragen darf?"

"Lassen wir das! Wart ihr im Theater?"

"Warum sollten wir nicht im Theater gewesen sein? Wo sollten wir sonst gewesen sein? Wir haben doch unser gutes Geld bezahlt."

"Hat euch doch sicher gefallen? Oder nicht?"

"Gefallen hat es uns schon. Ist ja auch a schöne Maiße, he, he, wie die Ische ihren Mann umbringt. Hahahaha! Wej mir, ich lache. Der liebe Gott wird mich dafür strafen."

Das ganze wurde mir zu dumm, ich unterbrach ihn: "Entschuldigt, ich bin müde nach der Arbeit, ich muß gehen. Gute Nacht. Und kommt öfters ins Theater. Vielleicht werdet ihr ein wenig klüger."

Sie riefen mir nach: "Kommen - kommen wir. Ganz bestimmt sogar kommen wir wieder. Aber mit faulen Eiern. Wenn die Plakate nicht verschwinden!"

Sie sind nicht widergekommen, haben nicht mit faulen Eiern geworfen. Pure Angeberei. Die Plakate verschwanden von selbst. Nicht nur aus der Grenadierstraße. Sommerferien. Die Theater wurden geschlossen.

 

Anmerkungen

1 Lenin, Wladimir Iljitsch (1870-1924). Russischer Politiker, übernahm 1903 bei der Spaltung der Sozialisten die Leitung der Bolschewisten, schuf nach der Revolution 1917 den Sowjetstaat und entwickelte die kommunistische Lehre von Marx und Engels zum sogenannten Leninismus weiter.

2 Piscator, Erwin (1893-1966). Deutscher Regisseur, bekannt durch sein proletarisch-politisches Theater im Berlin der 20er Jahre. Nach der Emigration (1933-1945) kehrte Piscator wieder nach Deutschland zurück, wo er 1953 im Westen Berlins die Leitung der "Freien Volksbühne" übernahm.

3 Agitproprevue. Abkürzung für Agitation- und Propagandarevue im Sinne der kommunistischen Partei. Agitproprevuen erfreuten sich gegen Ende der 20er Jahre großer Beliebtheit bei Partei- und Gewerkschaftsveranstaltungen und sonstigen politischen Massentreffen der Arbeiterschaft.

4 Karl und Rosa. Gemeint sind Karl Liebknecht (1871-1919) und Rosa Luxemburg (1870-1919), sozialistische Theoretiker und Begründer des Spartakusbundes (1917) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (1919). Beide wurden während der Berliner Revolution im Januar 1919 von konterrevolutionären Soldaten ermordet.

5 Alexander Granach gehörte zu den bekanntesten und beliebtesten Berliner Schauspielern der 20er Jahre.

6 Schadchen. Jüdischer Heiratsvermittler.

 

Quelle. Mischket Liebermann. Aus dem Ghetto in die Welt. Autobiographie. Berlin: Verlag der Nation, 1977, S. 59-64, 69-76. Zitiert aus Erinnerungen deutsch-jüdischer Frauen 1900-1990. Hrsg. Andreas Lixl-Purcell. Leipzig: Reclam, 1993.


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